Deutsch oder Boehm?

Verschiedene Klarinettenysteme im Vergleich


Die beiden weltweit verbreitetsten Klappensysteme sind auf den ersten Blick gut zu unterscheiden: Links das Deutsche System und rechts das französische Boehm-System. Am auffälligsten ist der Unterschied bei den Rollen des deutschen und den Hebern des Boehm-Systems. Die unterste Klappe an der Stürze des Deutschen Systems ist eine Resonanzklappe, so gibt es die nur bei Voll-Oehler-Modellen.

Es gibt - und gab schon fast immer - verschiedene Klarinettensysteme, das sind Bauformen von Klarinetten. Die heißen "deutsches System", "Boehmsystem", "französisches System", "Albert" oder "Volloehler"... und die Fans des jeweiligen Systems schlagen mit einer an Glaubenskrieger erinnernden Intensität auf alle anderen ein. Hauptschauplätze des Systemstreits sind Deutschland und Österreich, ein bißchen auch der vordere Orient (da vor allem die Türkei). Man versteht das vielleicht besser, wenn man sich einmal die Seite zur Geschichte der Klarinette durchliest - ich wiederhole das hier nicht alles. Im Wesentlichen geht es um Rückzugsgefechte von Traditionalisten.

Die Unterschiede zwischen den Systemen sind eher gering und interessieren nicht-Klarinettisten kaum. Akustisch konnten seriöse Tests mit Zuhörern (Profis und Amateure) nachweisen, dass kaum jemand (schon gar nicht Profis) bei guten Klarinettisten im Blindtest hören konnten, auf was für einem Typ System der Musiker jetzt spielt, wenn diese Musiker das nicht gerade bewußt deutlich machen wollen. Zum Teil verwendeten diese Tests Aufnahmen. Aber die Protagonisten behaupten ja regelmäßig, dass man den Unterschied auch bei Aufnahmen hört... In diesem Kapitel bemüht sich der Autor, sachlich mit den Unterschieden umzugehen, auch wenn ich als Spieler mehrerer Klarinette vor allem ein einheitliches System benutze. Ich selbst habe nämlich vom deutschen System auf Boehm umgestellt, wieso, beschreibe ich ganz unten.




Verschiedene Systeme - eine Evolution

Im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Klarinette entstanden aus dem ursprünglich einfachen Instrument diverse Typen - unsere heutigen, aber auch viele, die wieder "ausstarben". Die Entwicklung der Klarinette ähnelt einer natürlichen Evolution. Und genauso wie in der Natur spielt sie sich in verschiedenen Gegenden unterschiedlich schnell ab; auf abgelegenen Inseln halten sich Arten, die anderswo schon längst ausgestorben sind; genauso können sich dort aber auch komplett neue Arten entwickeln. Auf einigen Mittelmeerinseln (z.B. Sardinien) werden heute noch Instrumenttypen gebaut und gespielt, die man bei uns aus dem Ägyptischen Museum kennt. Ob sie genauso klingen, ist noch eine andere Frage, aber vermutlich schon.

Es gab immer wieder Verbesserungen, mal kleine, aber mal auch revolutionäre. Manche setzten sich schnell durch, andere langsam und manche gar nicht. Es ist vielleicht überraschend, aber die Spieler, gerade die etablierten, akzeptieren selbst großartige Verbesserungen nur sehr schleppend. Wir Spieler wollen in der Regel bei dem System bleiben, das wir einmal gelernt haben. Wir haben uns eben auch an die Unzulänglichkeiten des Systems und die Umgehungslösungen (wie die vielen Hilfsgriffe und das "Abdecken") gewöhnt. Und die Lehrer geben das an ihre Schüler weiter.

Im Orchester sollten Instrumente in einem Satz möglichst ähnlich klingen, und das bedeutet - am einfachsten - auch ähnlich sein. Das geht natürlich über Generationen hinweg. Und daher bleiben Griffsysteme so stabil: Auf dem deutschen System greifen wir heute fast noch so wie zu Denners Zeiten, und wir machen "Gabelgriffe", obwohl das Instrument diese ganz anders "übersetzt". Das erklärt vielleicht auch, warum alle wirklich umwälzenden Systemveränderungen bei der Klarinette gescheitert sind, mit Ausnahme der Einführung der Boehmklarinette. Und diese Änderung konnte nur mit Hilfe des Einflusses des Pariser Konservatoriums gelingen und der kulturell beherrschenden Stellung Frankreichs im 19. Jahrhundert. Darauf gehe ich weiter unten ein.

Kleinere erfolgreichen Veränderungen betrafen immer meist die Technik, also das Klappensystem an sich, und weniger die Griffe. Rein technische Ideen und Verbesserungen, die die bekannten Griffe nicht beeinflussten, konnten sich auch schnell über alle Systeme ausbreiten: So hat die Brillenklappe, eine spezielle Ringklappe, die Adolf Sax erfand, sich schnell über alle Systeme ausgebreitet. Auch neue Lagertypen und Polster lassen sich problemlos von einem System auf das andere übertragen. In soweit ist die Trennung der Systeme überhaupt nicht so krass, wie sie vielleicht - auch auf der Grafik - erscheint. Die Instrumentenbauer sehen sich auf Musikmessen natürlich sehr interessiert alle Neuerungen an.

Bild: Stammbaum Klarinetten

Deutsche Systeme

Vorweg: Wenn im Zusammenhang mit Klarinettensystemen von Deutschland oder "deutsch" die Rede ist, ist eigentlich der deutschsprachige Kulturraum gemeint - und der schließt natürlich auch Österreich ein sowie Teile der Schweiz. Lange Zeit war ja das heutige Deutschland aus Wiener Sicht - zumindest musikalisch - eine langweilige Provinz im Norden, aus der man vielleicht stammte (wie Mozart aus dem damals bayrischen Salzburg, Beethoven aus Bonn und Brahms aus Hamburg), aber wo man eher nicht leben wollte.

Historische Deutsche Systeme

Seit der ersten Klarinette von Denner entwickelte sich die Klarinette in Deutschland und Österreich über die Müllerklarinette in kleinen und größeren Schritten weiter. "Müllerklarinette" in diesem Zusammenhang heißt: Das System von Iwan Müller von 1817 mit 13 Klappen, die bereits moderne Polster hatten (nicht verwechseln mit den heutigen Instrumenten aus den gleichnamigen Bremer oder Hamburger Instrumentenbauwerkstätten). Die Bezeichnung "Deutsches System" fasst die modernen Nachfahren der Baermann-Klarinette zusammen: Instrumente, die entsprechend der Grifftabelle von Baermann (fast unverändert die Müller-Griffweise) gespielt werden und die Rollen auf den charakteristischen Gleitflächen für den kleinen Finger haben. Dabei gibt es zwar verschiedene Varianten, die wesentlichen Eigenschaften dieser Klarinetten dürften schon bei den Instrumenten gegeben gewesen sein, die von Carl Baermann nach 1850 gebaut wurden. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, auf einer zu spielen, aber ich würde mich nicht wundern, wenn die meisten deutschen Klarinettisten darauf problemlos zurecht kämen.

Albert System oder "Simple System"

In der Dixieland Band spielt ein alter Klarinettist auf etwas, dass wie "Deutsch" aussieht und auch haargenau so gegriffen wird - es hat die typischen Gleitrollen, das Klappensystem ist aber einfacher, und einige Tonlöcher haben überhaupt keine Klappen. Prominentestes Beispiel für so einen Jazzer ist Woody Allen. Siehst Du so eine Klarinette, dann hast Du ein Albert System vor Dir, auch ein direkter Nachfahre des Müller Systems. In England und den USA nennt man das übrigens "simple system" - dass es eigentlich auch ein "deutsches System" ist, ist den meisten Spielern dort nicht bewusst. Das Albert System entstand etwa gleichzeitig mit der Baermann-Klarinette, hat sich im Jazz gehalten und wird hierfür auch noch hergestellt. Durch weniger Klappen hat man mehr Möglichkeiten, mit teilweisem Abdecken von Tonlöchern die Tonhöhe zu verändern und Glissandi zu spielen. Viele Jazzer schwören darauf.

Türkisch/orientalische Instrumente

Auch die türkische/orientalische Klarinette, die auf dem Balkan und im ganzen Osten gespielt wird, (außer dort, wo länger französische oder englische Kolonien waren, in deren Folge sich das Boehm-System verbreitete) zählen zum Simple System. Sie sind also auch Nachfahren der Müllerklarinette. Typisch ist hier eine G-Klarinette, die also zwei Töne tiefer ist als die bei uns üblichen B-Instrumente. Nicht selten sind diese Instrumente aus Metall und vergoldet. Typische Orientalische Künstler wie Senlirdici spielen auf solchen Systemen.

Kommen solche - also Orientalische - Spieler in Kontakt mit modernen deutschen Systemen, sind sie zuerst fasziniert von den erheblich ausgereifteren Instrumenten, die wir hier haben - sie kennen ja die passenden Griffe, und hatten vorher geglaubt, die "Klassiker" spielen auf völlig anderen Systemen (nämlich Boehm). Aber wenn sie dann mal drauf zu spielen versuchen, gibt es eine Überraschung: Bahn und Mundstück sind bei der orientalischen Klarinette nach Albert in der Regel am modernen Boehm-System ausgerichtet und die Blätter/Mundstück/Bahn sind in der Regel *viel* leichter als bei den Deutschen; für viele dieser Spieler sind unsere 2,5-Blätter "dicke Bretter". Das gilt aber nur generell - manche der Simple System Spieler sind Autodidakten, einige kommen direkt vom Saxophon, andere benutzen abenteuerliche Kombinationen von Blättern und Mundstücken.

Oehlersystem oder Volloehlersystem

Die letzte größere (und bei den Spielern weitgehend angenommene) Entwicklung ist das Oehler-System um 1900: Oehler versetzte das Tonloch des rechten Mittelfingers an die Seite des Instruments (=Oehler-System) und fügte eine Bechermechanik an, eine Klappe am Becher bzw. der Stürze für einen besseren Klang der langen Töne (das ist dann ein Voll-Oehler-System). Die meisten hochwertigen "deutschen" Instrumente beruhen heute auf diesem System, das seit etwa 1905 nur noch wenige Veränderungen erfahren hat. "Oehler" und "Volloehler" sind also Spezialformen des deutschen Systems. Einfachere Klarinetten (Schülerinstrumente) haben in der Regel keine Bechermechanik, sind also keine Volloehler-Systeme.

Jedes Oehler System ist also Deutsch, aber nicht jedes Deutsche System ist Oehler.

Wiener Klarinette

Dieser nur in Österreich bedeutende, aber hier eben auch vorherrschende Typ eines "Deutschen Systems" hat praktisch einen mit der Oehlermechanik identischen Aufbau, aber einen etwas größerem Bohrungsdurchmesser (Deutsch: 14,6mm, Wiener: 15mm), damit ist die Bohrung ungefähr so weit wie beim Böhm-Instrument. Mit dem deutschen Instrument hat sie dann aber wieder die relativ lange und völlig durchgehend zylindrische Bohrung gemein.

Neue Deutsche Klarinetten

Nach der Entwicklung des Oehler-Systems bleiben natürlich die Klarinettenbauer nicht stehen, und ehrgeizige - meist jüngere - Meister versuchen ständig, Verbesserungen umzusetzen. Zum Teil mit gutem Erfolg. Das Problem liegt in der Akzeptanz (siehe oben). Um eine grundsätzliche Reform durchzusetzen, muss der Vorteil eines Systemwechsels gravierend sein.

Heutiges Boehm System

In Frankreich entstand bei Klosé ab 1839 die Boehm-Klarinette, die dann von dort aus fast weltweit die Müller-Klarinette und ihre Weiterentwicklungen verdrängte. Iwan Müller - einem Deutschen, der in Russland aufgewachsen war - war es nicht gelungen, die Pariser Akademie von seinem verbesserten Instrument zu überzeugen. Für Klosé als Franzosen war die Akademie kein so großes Problem. Der Rest der Welt nahm die Empfehlung aus Paris ernst, und das ist kein Wunder, denn zu dieser Zeit war Frankreich kulturell in Europa beherrschend, und im Vergleich zur alten Klarinette war das Boehm-Instrument ein gewaltiger Fortschritt. Nur im deutschen Kulturraum, in der Türkei und im Jazz gibt es heute noch nennenswerte Nachfolger des deutschen Systems, und nur in Deutschland und Österreich entwickeln sich diese Systeme bis heute weiter. Allerdings werden heute auch im deutschen Kulturraum immer mehr Boehm-Klarinetten gespielt.

Boehmsystem "gegen" Deutsches System

Grundsätzlich sind beide Systeme annähernd gleich gut. Sie haben unterschiedliche Stärken. Es gibt ziemlich albern wirkende Versuche in Deutschland, alle nicht-deutschen Klarinettensysteme mit ihrem "französischen Klang" und dem Vibrato zu verteufeln und aus den Orchestern zu verbannen.

Natürlich gibt es diese Klangunterschiede und man kann sie mit einer Analyse des Klangspektrums messen (das Obertonspektrum sieht etwas anders aus). Allerdings ist es nicht so, dass man als Konzertbesucher oder beim Abhören einer CD in einem Orchestergesamtklang - wenn die Klarinette nicht allein ein Solo spielt - sagen könnte, ob es deutsche oder Boehm-Klarinetten gewesen sind. In einer groß angelegten Untersuchung haben übrigens ausgerechnet Profis beim Versuch, die Instrumenttypen am Klang zu unterscheiden, schlechter abgeschnitten, als normale Zuhörer. Zum Beispiel lagen die Profis regelmäßig bei Sharon Kam falsch, die zwar auf einem Boehm-Instrument spielt, aber viel in Deutschland lebt und entsprechend sehr deutsch klingt (oder vielleicht so klingen kann, wie man es von einer Klarinettistin in Deutschland erwartet).

Etwas anderes ist es bei einem Klarinettenkonzert mit zwei Instrumenten, da ist es wirklich vorteilhaft, wenn beide Systeme vom selben Typ sind, aber vor allem im gleichen Stil gespielt werden.

Tatsächlich sind solche Verdrängungen unter Systemen (über historische Zeiträume gesehen) völlig normal. Es gab sie bei den meisten anderen Instrumenten ebenso. In vielen Fällen hat sich dabei der französische Geschmack und das französische Modell (oder die Akademie in Paris) international durchgesetzt (Ausnahmen sind der Kontrabass und das Fagott - da setzte sich das deutsche Modell durch). Die Aggressivität der deutschen Traditionalisten ist vielleicht durch die Tatsache zu erklären, dass es sich um ein Rückzugsgefecht handelt - man sieht sich allein gegen die ganze Welt und auch in Deutschland bröckelt die traditionelle Position.

Wie absurd - aber wie verbreitet - der konservative Traditionalismus und die Klischees in der Musik sind, sieht man auch an dem Aufschrei, den es gab, als die erste Frau in einem deutschen Top-Orchester spielte, nämlich Sabine Meyer bei Karajan in Berlin. Man (vor allem Journalisten, weniger die Musiker) diskutierte ernsthaft, ob eine Frau ausreichend Klang entwickeln könnte. Heute erscheint das alles merkwürdig, aber auf älteren Bildern sieht man, dass bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Frauen in deutschen Spitzenorchestern vor allem ein Instrument spielen durften: Harfe. Von den Wiener Philharmonikern, die immer noch eine Spur konservativer waren, mal ganz abgesehen, da saß auch an der Harfe meist ein Mann. Und Frauen an der Harfe sollten fließende Gewänder tragen, lange Haare haben und natürlich hübsch aussehen ;-)

Objektive Unterschiede Deutsch zu Boehm

Am deutlichsten in der Erscheinung der beiden Systeme sind die unterschiedlichen Klappenkonstruktionen.

Die beiden weltweit verbreitetsten Klappensysteme sind auf den ersten Blick gut zu unterscheiden: Links das Deutsche System und rechts das französische Boehm-System. Am auffälligsten ist der Unterschied bei den Rollen des deutschen und den Hebern des Boehm-Systems.

Besonders auffällig beim deutschen System sind die zwei großen Rutsch-Flächen mit den Holz-Rollen dazwischen für die kleinen Finger der rechten und linken Hand:

Lange Klappen Deutsches System

Diese Rollen hat übrigens auch das Saxophon. An Stelle der Rollen hat die Boehm-Klarinette nur vier "schlichte" Heber. Rutschen bzw. Rollen ist hier unnötig, und es gibt alternative Griffe aufwärts bzw. abwärts. Insgesamt erscheint mir - ich habe Deutsch gelernt und viele Jahre gespielt, seit 10 Jahren spiele ich aber nur noch Boehm - die Mechanik der Boehm-Klarinette für den Spieler ein wenig eleganter zu sein. Insgesamt nimmt sich das aber nicht viel. Rein technisch sind viele Dinge an der Boehm-Klarinette auf jeden Fall praktischer und robuster. Zum Beispiel gibt es die langen Hebel, die empfindlich sind und schon mal brechen können, nicht mehr. Sie wurden durch robustere und einfachere Drehklappen ersetzt. Das machen neuere Versionen der deutschen Klarinette nach. Die langen untersten Klappen der Bassklarinetten sind sämtlich Drehklappen. Nachteilig für das selbst reparieren sind einige Mechaniken, bei denen mit mehreren Hebeln mehrere Klappen gleichzeitig bedient werden müssen. Das stellt sich nicht so einfach ein wie bei Deutschen Klarinetten, deren Mechanik ursprünglicher und damit einfacher verständlich ist. Sie ist damit auch etwas logischer, aber das stört beim Spielen auf dem Boehm System nicht, wenn man es erst einmal verinnerlicht hat.

Wichtiger als die Unterschiede bei den Klappen sind die akustischen, weil die zu einem verschiedenen Klang führen können: Ein deutsches Oehler-System hat eine engere Bohrung und eine längere Bahn, die wesentlich schwerere Blätter braucht. Damit wird zum Beispiel ein Lippen­vibrato schwierig. Der klassische deutsche Klarinettist hat das Vibrato aber "natürlich" auch nicht gelernt.

Der Ton klingt beim Boehm-System etwas heller und schärfer. In Deutschland bevorzugt man einen etwas dunkleren (man kann auch sagen "weniger klaren") Ton, der nicht so viele und hohe Obertöne enthält. Das deutsche System unterstützt das. Darüberhinaus hat der Boehmklarinettist durch die leichten Blätter natürlich immer das größere Risiko des Quietschens. Das sind aber im wesentlichen Mundstück- und Blattfragen, und man kann sehr wohl ein Mundstück mit einer "längeren" Bahn für eine Boehm-Klarinette bekommen. Darüber hinaus baut zum Beispiel Wurlitzer eine Reform-Boehm, ein Instrument mit Boehm-Klappen- und Grifftechnik, aber deutscher Bahn, Bohrung und Klang.

Ein erfahrener Komponist kennt und berücksichtigt natürlich die Instrumente und ihre Stärken und Schwächen (oder bekommt spätestens bei der Erstaufführung vom Solisten etwas zu hören). Natürlich gehen die Komponisten ausserhalb Deutschlands von Boehmklarinetten aus. Andererseits sind die heute noch populärsten Klarinettenkonzerte von Mozart, Weber, Stamitz und Brahms - und die schrieben für die Müller-Klarinette und ihre Nachfolger.

Was spricht für das Deutsche System?

Im deutschsprachigen Raum ist das deutsche System verbreiteter als das Boehm-System. Dadurch sind die Klarinettenlehrer in der Regel mit dem Instrument, den Griffen und den dazugehörigen Blättern und Mundstücken vertrauter. Als Anfänger ist man sehr abhängig davon, was man von seinem Klarinettenlehrer lernt, und wenn der Lehrer oder die Lehrerin das zu lernende System nun so überhaupt nicht beherrscht, ist das ein Nachteil. Schon allein dadurch wird sich das deutsche System wohl noch sehr lange halten.

Der eine oder andere Instrumentenbauer wird sich mit dem deutschen System vielleicht auch etwas besser auskennen, aber das ist nicht mehr das große Thema.

Wer Profi-Klarinettist in Deutschland werden will, hat mit dem deutschen System noch immer deutlich bessere Chancen, an eine der begehrten Orchesterstellen zu kommen. Die meisten Profi-Orchester sind da sehr konservativ.

Was spricht für das Boehm-System?

Erst einmal der Preis im Verhältnis zur Qualität. Grundsätzlich sind Boehm-Instrumente bei gleicher Qualität etwa knapp halb so teuer (zwischen 30% und 50%), oder eben bei gleichem Preis deutlich besser. Das liegt einfach an der viel größeren Stückzahl, die die Hersteller produzieren. Bestimmte Dinge wie die Riss-sicheren Green Line Instrumente von Buffet (so eins habe ich) gibt es zum Beispiel überhaupt nur als Boehm-Instrument. Auch spezielles Zubehör wie Gigbags ist natürlich wesentlich billiger - bei gleicher Qualität. Wenn man dann auch die tiefen, großen Instrumente wie Alt- oder Bass-Klari­nette spielen will, wird der Unterschied im Preis dramatisch.

Daneben - und das gilt vor allem für diejenigen, die sich für Jazz oder moderne Klänge interessieren - ist aufgrund der anderen Bahn, des anderen Mundstücks und der anderen Blätter eine deutlich größere Klangvielfalt und außerdem Lippenvibrato möglich (das ist auf deutschen Instrumenten schwieriger).

Kann man - und sollte man - umlernen?

Natürlich kann man umlernen. Frage ist: Warum sollte man? Die Vorteile beider Richtungen sind bekannt. Das Umlernen dauert Zeit. Für die reinen Griffe geht es recht schnell, der Ansatz (anderes Mundstück und Blätter) kann länger dauern. Bei regelmäßigem (täglichen) Üben sollte man spätestens nach ein paar Wochen das neue System voll beherrschen. Das ist zumindest die Erfahrung von etwa zehn Amateuren, die ich kenne und die von deutsch nach Boehm gewechselt sind und zum Teil beide Systeme parallel spielen: B-Klarinette deutsch, Bass, Es oder Alt auf Boehm. Es gibt aber auch Leser, die berichten davon, dass sie noch nach zwei Jahren Schwierigkeiten damit haben. Auf jeden Fall gilt: Wer den Umstieg spät macht, muss Stücke, die "in Fleisch und Blut übergegangen sind", neu üben.

... man muss aber nicht (Reformboehm)

Viele Menschen, die auf einem Boehm-System gelernt haben, aber im Orchester zwischen Spielern mit deutschem System sitzen, möchten einen deutscheren Klang, ohne die Griffweise umzulernen. Hierfür haben deutsche Instrumentenbauer die Reformboehm entwickelt: Deutsche Bohrung, deutsches Mundstück, deutsches Blatt, aber Boehm-Mechanik.

Wem es nur um den deutschen Klang geht (und man kommt vom Boehm-System), der kann also eine Reform-Boehm kaufen. Das hat aber seinen Preis, denn durch die geringen Stückzahlen ist eine Reformboehm leider noch deutlich teurer als das klassische deutsche System.

Ein umgekehrtes System - Boehm-Borung, Mundstück und Blatt mit deutschen Klappen - gibt es meines Wissens nach aber nicht.

Wird das deutsche System irgendwann verschwinden?

Wie oben bereits gesagt: Die Systeme an sich sind gleichwertig. Aber bei zwei qualitativ vergleichbaren Instrumenten ist das Boehm System deutlich (zwischen 30% und 50%) günstiger. Oder umgekehrt: für das gleiche Geld gibt es in Boehm-Version eine deutlich bessere Klarinette. Sicher gibt es für spezielle Profi-Instrumente deutsche Meisterwerkstätten, an die qualitativ und vom Innovationspotenzial kaum jemand sonst auf der Welt heranreicht, aber das ist für die Mehrheit von uns ja eher uninteressant.

Das deutsche System konnte sich auch deshalb 170 Jahre in Deutschland und Österreich behaupten, weil die Musikmärkte und die Instrumentenmärkte national recht abgeschottet waren. Die Globalisierung hat dem ein Ende gesetzt - per Amazon, Thomann und hunderten anderer Händler im internet kann ich jetzt auch eine französische CD kaufen, bei iTunes einen Japaner hören und im Regal des Musikinstrumentenhändlers und Versenders stehen Yamaha und Buffet mittlerweile ebenso selbstverständlich wie Kreul, Hammerschmidt und Wurlitzer. Das erhöht den Druck auf das deutsche System erheblich. Und wegen der geringeren Stückzahlen und damit verbundenen höheren Herstellungskosten pro Instrument können die Hersteller die Preise nicht einfach beliebig senken, ohne in Probleme zu geraten.

Wer in Deutschland als Profi etwas werden will, wird weiter deutsch spielen. Aber da der Klang der modernen Boehm-Instrumente eher am Spieler liegt, und die ganze Bandbreite auch bei uns angeboten wird, fangen vor allem die Amateure an, umzudenken. In meinem Blasorchester gab es vor 20 Jahren nur eine einzige Boehm-Klarinette, heute sind es acht (von 20). Von denen haben aber auch nicht alle in Deutschland Klarinette gelernt, trotzdem ist es vermutlich repräsentativ. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Prozess auf sehr lange Sicht das Aus für das Deutsche System bedeuten kann und nur noch im Profibereich die Top-Instrumentenbauer das Oehlersystem bauen werden.

Zukunft des Instrumentenbaus - neue Varianz?

Der technische Fortschritt zum Ende des 20. Jahrhunderts war enorm, hält an und beginnt, sich auch praktisch auf eigentlich traditionelle Bereiche wie den Instrumentenbau auszuwirken: Theoretische Überlegungen der Akustik können endlich durch verhältnismäßig preiswerte Messgeräten und Computer praktisch und schnell ausgemessen werden. Die Entwicklung der Mikromechanik bringt nahezu perfekte, extrem kleine und trotzdem preiswerte Mikrolager. Aus der Chemie kommen Silikon und andere massgeschneiderte neue Kunststoffe. Die Bearbeitungs­techniken erlauben computergesteuerte Holz- und Metallbearbeitung (CAM), die auch schon eine Werkstatt bezahlen kann - bis vor wenigen Jahren konnten sich nur Industrieriesen so etwas leisten. Damit können jetzt auch einzelne Werkstätten zum Beispiel Klappen nach 3D-Modellen fräsen und damit herumexperimentieren, ohne teure Schmieden zu bezahlen, umständlich selbst zu löten oder ewig auf neue Formen zu warten.

Dadurch können Instrumentenbauer heute Verbesserungen ausprobieren, die bisher nicht möglich waren: Eine Meisterwerkstatt hätte neben der eigentlichen Arbeit vielleicht einen Experimentaltyp einer Klappe oder eines Oberstücks von Hand entwerfen und bauen können - einen oder zwei pro Jahr. Dann ausprobieren, wenn es nichts verbessert hat, zurück auf Start.

Mit einem CAM-Fräser kann man eine identische Kopie eines beliebigen Werkstücks mit jeder denkbaren Änderung an einem Computer entwickeln (dazu reichen Rechner, die heute buchstäblich schon im Kinderzimmer stehen) und dann in der Mittagspause umsetzen lassen - wenn man das teure 3D-CAM-Fräsegerät schon einmal gekauft hat, kostet der Betrieb fast nichts mehr. Man darf also erwarten, dass die Vielfalt der Instrumententypen und der Verbesserungen aus ehrgeizigen Werkstätten wieder erheblich zunimmt. Gleichzeitig senkt diese Technik durch Ersetzen langwieriger, meist manueller Bearbeitungsschritte die bisher astronomischen Kosten für die Produktion. Neue Produkte kann man auf Messen (und den Internetseiten der Werkstätten) schon bewundern.