Instrument: Klappen und Tonlöcher

Funktion der Klappen: Tonlöcher schließen


Die Blockflöte kommt ohne Klappen aus - die Klarinette nicht. Die Blockflöte hat nämlich viel weniger Tonlöcher (diese hier 8, eins davon liegt auf der Rückseite), und diese Tonlöche liegen dicht beieinander. Man kann sie also alle entspannt mit den Fingern bedienen. Die Klarinette hat heute aber typischerweise 22 Tonlöcher; selbst in der primitivsten Version zu Mozarts Zeiten brauchte sie mindestens 12, bei 10 Fingern waren also mindestens 2 Klappen nötig). Und wie man sieht, kann man bei einer B-Klarinette die unteren Tonlöcher mit den Fingern nicht erreichen.

Wenn man eine moderne Klarinette mit einer (Sopran-)Blockflöte vergleicht, fällt als erster Unterschied - neben der Größe und der Farbe des Holzes - das Klappensystem der Klarinette auf. Die Klappen der Klarinette sollen die gleiche Funktion übernehmen, die die Finger bei der Blockflöte haben: Tonlöcher zu schließen und zu öffnen.

Die Blockflöte kommt ohne Klappen aus - sie ist zum einen viel kleiner als die Klarinette und braucht zum anderen viel weniger Tonlöcher - diese hier hat 8, eins davon - das Überblas - oder Oktavier-Loch liegt auf der Rückseite. Darüber hinaus liegen die Tonlöcher der Blockflöte so dicht beieinander, dass man sie gut mit den Fingern bedienen kann. Die Klarinette hat heute aber typischerweise 22 Tonlöcher; selbst in den noch recht einfachen Instrumenten zu Mozarts Zeiten hatte sie mindestens 11 Tonlöcher, bei 10 Fingern waren also mindestens 2 Klappen nötig, denn mit einem Finger - dem rechten Daumen - muss man das Instrument ja auch halten. Und wie man gut sieht, kann man bei einer B-Klarinette die unteren Tonlöcher mit den Fingern nicht erreichen.

Das moderne Klappensystem sieht ziemlich kompliziert aus und das ist es auch. Kurze und lange Hebel, Blöcke, Achsen und Röhrchen bewegen kurze und lange Klappen, an deren Ende sich Polster befinden.

Für Laien erscheint das ganze sehr unüber­sichtlich. Auch wir Spieler könnten oft nicht spontan sagen, welche Klappen bei einem bestimmten Ton auf- oder zugehen müssten - wir haben die Töne zu "greifen" gelernt und machen es jetzt, ohne jedes Mal darüber nachzudenken.

Klappen sind bei der Klarinette also nicht nur notwendig, um komplizierte Passagen zu spielen - das kann man ja mit einer Blockflöte auch, ohne jede Klappe. Dieser Artikel erklärt, warum es ohne Klappen gar keine Klarinette geben kann.

Inhalt

Tonlöcher - zu weit weg und zu groß für bloße Finger
Warum wird der Ton beim Öffnen eines Tonloches höher?
Klarinetten haben mehr Tonlöcher als andere Blasinstrumente
Höheres Register spielen: Überblasen mit Überblasklappe
1. Methode für Halbtonschritte: Gabelgriffe
.... Töne senken durch "Abdecken"
2. Methode für Halbtonschritte: zusätzliche Tonlöcher
Offene und geschlossene Klappen
Anforderungen an Klappen
Historische Entwicklung der Klappen
Heutige Tonlöcher: nicht nur einfach ein Bohrloch
Material der Klappen
.... Polster
.... Federn
Unterschiede im Klappensystem Boehm/Deutsch
Auswirkung der Klappen auf die Akustik
Ein (theoretisch) ideales Klappensystem

Tonlöcher: Zu weit weg und zu groß für Finger

Bei den kleineren Klarinetten, der Es-Klarinette und der B-Klarinette, wäre es wohl noch möglich, zumindest die oberen Tonlöcher mit den Fingerkuppen zu schließen. Weiter unten, bei größeren Löchern und den größeren Klarinetten geht es dann überhaupt nicht mehr - die Abstände werden immer größer, genau wie die Tonloch-Durchmesser.

Darüber hinaus können Tonlöcher, wenn sie direkt mit den Fingerkuppen geschlossen werden sollen, nur an bestimmten Stellen liegen. Auch da helfen die Klappen.

Akustisch wäre es wohl am besten, alle Tonlöcher würden schnurgerade untereinander auf der Vorderseite der Klarinette liegen - also der Seite, die zum Zuhörer zeigt. Und Tonlöcher sollten möglichst groß sein, weil sie die Austrittsöffnung für die schwingende Luftsäule bilden (da gibt es aber auch Einschränkungen, siehe unten).

Warum wird der Ton beim Öffnen eines Tonloches eigentlich höher?

Man kann das gut mit der Tonhöhe bei einem Saiteninstrument vergleichen: Die Saite schwingt und produziert deshalb einen Ton. Die Länge der Saite bestimmt die Frequenz. Kurze Seiten schwingen schneller als lange. Je kürzer die Saite, desto schneller die Schwingung, desto höher die Schwingfrequenz und damit der Ton. Verkürzt der Gitarrist also die Saite durch Drücken der Saite auf einen Steg, wird der Ton höher, macht er sie wieder länger, wird der Ton tiefer. Praktisch gilt: Halbe Saitenlänge = doppelte Schwingungsfrequenz = doppelt so hoher Ton (in Tonleitern: eine Oktave höher).

Bei Blasinstrumenten ist sehr ähnlich, hier schwingt statt einer Saite die Luftsäule in der Bohrung im Korpus zwischen Mundstück und Öffnung am Ende. Die genaue Länge der schwingenden Luftsäule besteht im Wesentlichen aus der Gesamtlänge des Instruments bis zur unteren Öffnung und etwas drüber hinaus. Das gilt natürlich nur solange wie alle Tonlöcher zu sind.

Öffnet man jetzt ein Tonloch, dann kann die Schwingung schon am Tonloch austreten und die schwingende Luftsäule "endet" jetzt hier und nicht unter dem Trichter. Das Instrument wird damit akustisch "kürzer" - die Schwingung wird also kürzer. Und genau wie bei der Gitarrensaite wird der Ton höher, je kürzer der schwingende Teil ist.

Biegungen des Instruments haben dabei übrigens nur einen geringen Einfluss auf die Länge, daher können Instrumente geknickt gebaut werden (zum Beispiel Bassklarinetten oder Fagotte) - solange der Durchmesser der Bohrung gleich bleibt.

Klarinetten: mehr Tonlöcher als andere Blasinstrumente

Um die Klappen der Klarinette zu verstehen, sehen wir uns zuerst mal die Verhältnisse bei der wesentlich einfacheren (Sopran-) Blockflöte an, die Du vielleicht in Deiner Schulzeit kennengelernt hast. In ihrer einfachsten Form hat sie überhaupt keine Klappen und nur einfache Tonlöcher. Eine Blockflöte hat acht Tonlöcher; sieben auf der Vorderseite und eins beim linken Daumen auf der Rückseite - das Überblas- oder Oktavloch. Damit kann man alle Töne einer Oktave spielen. Der tiefste Ton - C - erklingt, wenn man mit allen Tonlöchern geschlossen bläst. Öffnet man von unten nach oben ein Tonloch nach dem anderen, erklingt eine C-Dur-Tonleiter von C bis H.


Blockflöte: Griffe

Tonleiter auf einfacher Blockflöte - hochwertige Flöten sind anders!
Acht Tonlöcher auf der Vorderseite - das Überblasloch auf der Rückseite ist der Kreis daneben.
Schwarz = geschlossen / weiß = offen.
Das hohe c und das d erreicht man über Gabelgriffe, dazu weiter unten mehr.


Höheres Register spielen:
Überblasen mit Überblasklappe

Öffnet man das Überblasloch der Blockflöte halb - mit dem linken Daumen - und spielt die gleiche Tonleiter, erklingen die Töne wie eben, aber eine Oktave höher.

Eine Oktave oder acht Töne höher bedeutet eine Verdoppelung der Frequenz. Für unser Gehör klingt das fast wie der gleiche Ton, nur doppelt so hoch. Das ist grifftechnisch bei der Blockflöte einfach - oberes Register und unteres haben für die gleichen Töne die gleichen Griffe, Unterschied ist nur das geschlossene oder geöffnete Überblasloch.

Damit das Überblasloch auch wirklich zum Über­blasen führt, und nicht wie ein normales, offenes Tonloch einfach einen hohen Ton erzeugt, muss das Überblasloch klein sein. Akustisch "zerstört" nämlich das offene Überblasloch die unterste Frequenz in einer ganze Reihe von Tönen, die aufgrund von Resonanzen im Instrument gleichzeitig gebildet werden und die man Obertonreihe nennt.

Wäre das Überblasloch zu groß, würde die schwingende Luftsäule hier vollständig in die Umgebung austreten, wie eben bei einem "normalen" Tonloch. Es gäbe einen hohen Ton, unabhängig davon, welche anderen Tonlöcher noch geschlossen wären. Deshalb ist das Überblasloch klein (Klarinette, Oboe) oder man öffnet es nur halb (Blockflöte).

Der Sprung in die Oktave beim Öffnen des Überblaslochs ist nicht nur bei Blockflöten so, sondern auch bei Oboe, Saxophon und anderen Holzblasinstrumenten. Die Klarinette bildet hier nun die Ausnahme: Sie hat zwar auch ein Überblasloch mit der gleichen Funktion. Die Frequenz wird beim Überblasen aber nicht doppelt, sondern 3-fach so hoch (also eineinhalb Oktaven höher)

Oben haben wir davon gesprochen, dass beim Öffnen des Überblasloches die unterste Frequenz zerstört wird. Man kann sich das auch buchstäblich so vorstellen. Tatsächlich besteht ein Ton ja nicht nur aus einer einfachen Schwingung, sondern aus einer Reihe sich überlagernder Frequenzen. Diese stehen in einfachen mathematischen Verhältnissen zueinander. Die Physik einer schwingenden Saite oder einer schwingenden Säule lässt zu, dass sich Wellen im Verhältnis 1 : 2 : 3 : 4: 5: 6 : ... und so weiter bilden und auch überlagern wie kleine Wellen auf großen Wellen im Meer. Aufgrund der Physik der Blockflöte sind dort die Wellen im Verhältnis 1, 2 und 4 stark ausgeprägt, während 3 und 5 kaum messbar sind. Wird also die tiefste Frequenz jetzt gestört, erklingt bei der Blockflöte die zweit-tiefste Frequenz, doppelt so hoch, also in die Oktave. Zum Beispiel von 440 Hertz auf 880 Hertz.

Bei der Klarinette sind die physikalischen Verhältnisse anders, hier sind vor allem Wellen im Verhältnis 1 und 3 besonders stark, 5 noch deutlich, während 2 und 4 kaum messbar sind. Also springt die Klarinette beim Zerstören der niedrigsten Schwingung in die 3-fache Frequenz - von 440 Hertz auf 1320 Hertz. In Tonschritten ausgedrückt: Während die Flöte beim Überblasen in die Oktave geht, wird die Klarinette eineinhalb Oktaven höher gehen, also 8+4, ungefähr 12 Töne höher. Lateinisch nennt man das dann die Duodezime), und die Klappe am Überblasloch nennt man auch nicht Oktavklappe, sondern Duodezimklappe.

Greift man ein C und öffnet die Überblasklappe, klingt bei der Blockflöte und der Oboe ein "c", eine Oktave, also der Achte Ton (Achtung bei Mitzählen: erster und letzter Ton der Tonleiter werden mitgezählt), bei der Klarinette ergibt das den zwölften, also ein "g". Das macht das Lernen (und das Bauen) einer Klarinette schwierig, denn man braucht nicht nur 7 Tonlöcher, sondern 11 und die Töne der oberen Oktave werden nicht so gegriffen wie die der unteren.

Die Tonleiter der Klarinette im unteren und mittleren Register sieht daher auch so aus, dass bei allen Klappen geschlossen und Öffnen der Überblasklappe ein A erklingt (E ist der tiefste Ton):


Klarinette: Tolneiter

Tonleiter auf einfacher Klarinette ohne Löcher für Halbtöne
Tonleiter über zwei Oktaven. Schwarz = geschlossen / weiß = offen.
Man braucht entweder 12 Finger oder mindestens 2 Klappen...


Das heißt praktisch: Für die einfachste Klarinette mit Löchern für eine einfache Tonleiter, also ohne extra Löcher für Halbtöne, wie sie an modernen Klarinetten üblich sind, braucht man mindestens 10 Tonlöcher plus ein Überblasloch. Das macht 11 Löcher. Und man braucht mindestens einen Finger (üblicherweise den rechten Daumen), um das Instrument zu halten, selbst wenn es wie die Bassklarinette auf dem Boden steht. Für Tonlöcher stehen also nur 9 Finger zur Verfügung. Um eine solche, ganz einfache, Klarinette zu bauen, braucht man also mindestens zwei Klappen und 11 Tonlöcher.

Das finden wir dann auch an den ersten Instrumenten: Zwei Klappen, eine lange für den untersten Ton und eine Überblasklappe. Und da wir also mit 9 Fingern 11 Löcher bedienen müssen, hatten die Finger schon bei diesen ersten Klarinetten Doppelfunktionen.

Halbtöne erzeugen - 1. Methode: Gabelgriffe

Einfache Holzblasinstrumente wie die Blockflöte geben mit den einfachen Griffen wie in den Abbildungen oben gerade eine bestimmte Tonleiter wieder. Damit kann man aber noch nicht einmal die üblichen Kinderlieder spielen; denn die erfordern Halbtonschritte - von verschiedenen Tonarten ganz zu schweigen. Auf der Blockflöte wird das durch Gabelgriffe gelöst - und auf den meisten alten Holzblasinstrumenten wurde das ebenso gemacht.

Blockflöte: F - Gabelgriff Fis - G

Will man beispielsweise ein Ges (einen halben Ton tiefer als G) spielen, greift man das G und schließt das übernächste Tonloch (das E-Loch): So bleibt das F-Loch offen, das E-Loch ist geschlossen. Das ergibt ein ziemlich gut stimmendes Ges.

Warum ergibt der Gabelgriff nun ein Ges und nicht eine Mischung aus einem "schraddeligen" G und einem E, wie man vielleicht erwarten könnte?

Die schwingende Luftsäule tritt aus dem offenen (Gabel-)Tonloch, im Beispiel dem F-Loch, nur zum Teil aus. Unterhalb des Tonloches schwingt sie mit einem Teil der Energie in der Bohrung weiter. Es bildet sich also eine schwingende Luftsäule aus zwei Teilen mit einem "Schwingungsknoten" unter dem geöffneten Tonloch. Der untere Teil setzt sich bis an das geöffnete D-Loch fort. Physikalisch betrachtet verlängert sich dadurch die schwingende Luftsäule, um etwa die halbe Länge des Abstands zwischen Gabelloch und geöffnetem Tonloch. Dadurch entsteht dieses erstaunlich saubere Ges.

Gabelgriffe funktionieren aber nur, solange das Gabel-Loch nicht zu groß ist: Sonst würde die schwingende Luftsäule durch das F-Tonloch vollständig aus dem Instrument austreten und der entstehende Ton wäre ein F. Deshalb wird manchmal das Gabelloch auch teilweise mit abgedeckt, um den Klang zu korrigieren.

Töne senken durch "Abdecken"

Wenn man jetzt noch weitere Tonlöcher "nach unten abdeckt", also zum Beispiel das D-Loch, wird der erklingende Ton noch etwas tiefer. Grundsätzlich funktioniert das, solange das geöffnete Gabel-Tonloch nicht zu groß und der Abstand zu den geschlossenen Löchern nicht zu weit ist. Mit dem "Abdecken" von tieferen Tonlöchern kann man praktisch zu hohe Töne absenken. Man kann dabei auch zwei Löcher offen lassen und diese zum Teil abdecken. Natürlich verschlechtert sich der Klang ein bisschen, aber das ist - vor allem beim Unisono-Spielen - im Vergleich zum schlecht Stimmen nachrangig...

Halbtöne erzeugen - 2. Methode: zusätzliche Tonlöcher

Obwohl Gabelgriffe in der Praxis gut funktionieren, haben sie Nachteile: die Tonlöcher, die für Gabelgriffe benötigt werden, dürfen nicht zu groß sein, weil sich sonst unterhalb davon keine schwingende Luftsäule mehr bilden kann. Ein kleines Tonloch ist aber dann, wenn es seine eigentliche Funktion als Tonloch erfüllen soll und das Ende der schwingenden Luftsäule bildet, nachteilig: Da wäre ein großes Tonloch besser. Das führt zu Kompromissen. Die sind oft unglücklich und machen die Gabelgrifftechnik problematisch.

Ein Tonloch ist eben nicht nur "ganz auf" oder "ganz zu", für Gabelgriffe gibt es drei Zustände: Ganz zu, ganz auf, und teilweise auf - genau wie beim Überblasloch der Blockflöte. Jetzt wird auch sicher klar, warum die tiefen Klarinetten Klappen mit einem sehr kleinen, hineingebohrten Loch haben - damit kann man sie leicht "ein bisschen" öffnen, zum Beispiel für das hohe c. Zu allem Überfluss wirken sich die Größen der Tonlöcher in den verschiedenen Registern noch unterschiedlich stark aus, weil der akustische Widerstand mit steigender Frequenz zunimmt. Gerade im Klarinettenregister funktionieren Gabelgriffe dann nur noch schlecht.

Darum hat man bei modernen Klarinetten anstelle der Gabelgriff-Lösung für nahezu alle Halbtöne eigene Tonlöcher gebohrt, und es gibt kaum noch Gabelgriffe (der Spieler greift teilweise sogar einen Gabelgriff, die Mechanik macht aber eine eigene Klappe auf.) Im Ergebnis hat man pro Oktave also fünf Tonlöcher mehr als eine Blockflöte:

C - Cis - D - Dis - E - F - Fis - G - Gis - A - Ais(B) - H

Das entspricht den schwarzen Tasten auf dem Klavier (auf 8 weiße gibt es 5 schwarze). Weil die Klarinette aber pro Register nicht nur eine Oktave, sondern eine Duodezime, also 12 Töne abdecken muss, sind es nicht nur 5 Tonlöcher mehr auf der Klarinette, sondern 7 mehr; es gibt also mindestens 19 Tonlöcher (wenn oberster und unterster Ton gleich sind):

E - F - Fis - G - Gis - A - Ais(B) - H - c - cis - d - dis - e - f - fis - g - gis - a - ais(b)

Dazu kommt das Überblasloch, macht 20 Tonlöcher. Bei so vielen Tonlöchern ist dann an das Schließen mit den Fingern nicht mehr zu denken! Schon an meiner einfachen Schülerklarinette war nur noch das Tonloch des linken Daumens ohne Klappe ausgeführt. Dafür gibt es aber jede Menge Ausgleichs- und Trillerklappen. Zwischen 22 und 28 Klappen und Ringe sind beim deutschen System üblich.

Offene und geschlossene Klappen

Wenn man die Klarinette betrachtet, stellt man fest, dass es offene und geschlossene Klappen gibt; also solche, die man durch Drücken schließt, und solche, die man durch Drücken öffnet. Die offenen Klappen entsprechen nun den Löchern der Blockflöte, die man mit den Fingern verschließen würde. Aber warum gibt es geschlossene Klappen - warum gehen Klappen auf, wenn man sie drückt?

Diese geschlossenen Klappen öffnen in erster Linie die Tonlöcher für die Halbtonschritte - am Klavier wären das die "schwarzen Tasten".

Bestimmte geschlossene Klappen sind aber auch als Alternative zu Tonlöchern (bei Trillern) oder zur Korrektur von Tönen gedacht. Sie öffnen sich teilweise schon automatisch mit, wenn andere Klappen gedrückt werden.

Anforderungen an Klappen

Die Klappen müssen dafür sorgen, dass

All das ist bei modernen Klappen und vernünftig gewarteten Instrumenten ziemlich gut erreichbar.

Historische Entwicklung der Klappen

historische Klappe mit Filzpolster

Die ersten Klappen waren nur eine einfache Verlängerung der entsprechenden Finger - man brachte an einem Hebel ein Filzpolster an. Das war natürlich auch nur im feuchten Zustand halbwegs dicht. Das Bild gibt eine Vorstellung davon. Damit die flache Filzplatte das Loch schloss, musste die Umgebung des Tonlochs natürlich auch flach geschliffen werden, und das Tonloch war verhältnismäßig klein.

Mit der Erfindung der Löffel-Klappe durch Iwan Müller in Verbindung mit dem versenkten Tonloch (siehe unten) konnte man endlich auch große Löcher dicht schließen.

verschiedene Klappen an einer Klarinette

Die zweite wesentliche Verbesserung war die Ringklappe durch H. Klosé. Eine Ringklappe ist eine Klappe mit Öffnung - ein Beispiel sieht man gut auf dem Foto, direkt neben dem Zeigefinger. Damit kann man auch Tonlöcher sicher schließen, die eigentlich schon an der richtigen Stelle liegen, aber aus akustischen Gründen größer gebohrt werden müssten, als dass man sie mit dem Finger schließen könnte.

Das Klappensystem der modernen Klarinette ist eine sinnreiche, über Jahrhunderte immer weiter verbesserte mechanische Meisterleistung. Mit ihm lassen sich tatsächlich fast lautlos und schnell alle Tonlöcher öffnen und schließen, egal, wo sie sich befinden. Zum Teil greift die Klappenmechanik um das Instrument herum, manche Klappen bedienen über Hebel auch andere mit.

Im Laufe der Zeit ermöglichten dann spezielle Verbindungen zwischen Klappen auch Triller und Sprünge, die sonst nur mühevoll oder überhaupt nicht möglich gewesen wären. Die Klappentechnik passte sich aber auch der Gewohnheit an: Zum Beispiel greift man zwar noch Gabel-Griffe, aber die Klappenmechanik setzt das in ein akustisch besseres Ergebnis um.

Heutige Tonlöcher: Nicht nur einfach ein Bohrloch

versenkte Loecher

Nur wenige Tonlöcher der Klarinette sind einfach Bohrlöcher wie bei der Blockflöte: Das sind nur noch solche, die mit Fingern abgedeckt werden. Alle anderen Tonlöcher, die mit einer Klappe verschlossen werden, sehen anders aus: Sie sind "versenkt" - sie liegen also in einer schalenförmigen Vertiefung und sind von einer kreisrunden Erhebung mit scharfem Rand umgeben.

Versenkte Tonlöcher sind notwendig, weil die Oberfläche der Tonlochöffnung bei der einfachen Bohrung nicht flach ist, sondern entsprechend der Oberfläche der Klarinette gebogen (wei bei der Blockflöte). Das mit einem Finger zu schließen ist kein Problem, aber mit einem flachen Polster kann man ein Tonloch wie an der Blockflöte nicht abdecken, und gebogene Polster herzustellen und zu montieren wäre schwierig.

Die einfachste - und erste praktische - Lösung war, die Oberfläche um das Tonloch flach zu schleifen. Genau das haben die frühen Klarinettenbauer auch gemacht. Um mit einem Lederpolster das Tonloch gut zu verschließen, ist ein scharfkantiger, ringförmiger Wulst um das Tonloch besser als eine Fläche: Die scharfe Kante drückt sich in das Polster ein, und die Klappe schließt dadurch auch dann, wenn sie nicht perfekt aufliegt. Diesen Wulst nennt man Zwirl. Der kann natürlich nur so hoch sein, wie die Versenkung tief ist. Um nicht zu viel Material wegzuschleifen, senkt der Instrumentenbauer nur einen schüsselförmigen Bereich um das Tonloch ab (ca. 2 mm).

Materialien der Klappen

Klappe - Polster

Das Klappensystem besteht in der Regel aus Neusilberguss­teilen, die mit Eisengestänge (viereckiger Querschnitt) oder Stahlröhrchen verlötet sind. Neusilber ist eine Kupferlegierung. Richtig teure Instrumente haben geschmiedete Klappen - die sind weniger bruchanfällig als gegossene Teile. Man unterscheidet dabei zwischen fallgeschmiedet (ein großes Gewicht fällt auf das Metall und presst es in Form) und handgeschmiedet (der Schmied arbeitet an einem Metallstück mit Hammer und Amboss). Klar, dass handgeschmiedet am besten (und teuersten) ist.

Grundsätzlich lassen sich die eingesetzten Metalle alle recht einfach mit Silberlot löten, also im Fall eines Bruchs auch reparieren. Dabei verbrennt aber leider oft die dünne Silberschicht in der Nähe der Lötstelle. Wenn man die Zeit dazu hat, kann man die Klappe dann in einem Galvanisierbad dünn versilbern, vernickeln oder vergolden lassen. Dabei gilt:

Polster

Die Polster für Klarinetten sind in der Regel aus Leder, Filz und Pappe, manchmal aus Silikon, teilweise auch aus Kork und neuerdings auch noch aus ganz anderen Materialien.

Klappe - Polster - Schnitt durch Lederpolster

Lederpolster haben sich seit Iwan Müller durchgesetzt und sind immer noch der häufigste Typ. Hier wird auf eine Papp-Scheibe (im Bild die unterste Scheibe) eine gleich große Scheibe aus Filz geklebt, und dann ein weiches Leder oder Fischhaut darüber gezogen, unten um die Filz- und Pappscheibe gelegt und auf der Rückseite der Pappe verklebt.

Diese Polster kann man selbst in weniger gut sortierten Läden für Musikinstrumente in allen Größen kaufen. Sie halten recht lange, sind dicht, weitgehend geräuschlos und passen sich dem Tonloch an. Im feuchten Zustand schließen sie nach mehrfachem kräftigen Drücken gegen den Zwirl auch dann, wenn sich die Klappe leicht verbogen hat. Allerdings wird das Leder, vor allem bei Klappen, die oft feucht werden (weiter oben am Instrument), irgendwann hart, spröde und muss dann gewechselt werden. Die Lederpolster sind meist mit Siegellack in die passenden Klappen-Löffel geklebt - heute nimmt man auch oft Heißkleber. Wer einigermaßen geschickt ist, kann das auch selbst - wie es geht, ist unter Wartung / Erste Hilfe beschrieben.

Silikonpolster sind eine neuere Lösung. Sie haben etliche Vorteile: Sie lassen sich in jeder Form herstellen, sie verändern sich dann nie mehr, und sie schließen lautlos. Das Silikonpolster muss nie ausgetauscht werden, denn es ist nicht anfällig gegen Feuchtigkeit und Druck. Das ist aber auch ein Nachteil: Verbiegt sich eine Klappe nur ein klein wenig, würde sich das Lederpolster an das Tonloch wieder anpassen und nach kurzer Zeit schließen, das Silikonpolster schließt aber nur noch bei starkem Druck. Manche Musiker meinen auch, dass Silikonpolster den Klang negativ beeinflussen. Ernsthafte Untersuchungen sagen zwar das Gegenteil, die Diskussion ist aber noch nicht zu Ende.

Silikonpolster sollten eine Rückseite aus anderem Material als Silikon haben - wie Pappe oder Kunststoff. Auf der hält dann Siegellack, Heißkleber oder zur Not auch Haushaltskleber. Damit könnte man im Notfall ein abgefallenes Polster schnell wieder befestigen. Auf reinem Silikon hält nichts, außer Silikon, und wer will für den Notfall schon eine Installateurspritze zum Konzert mitnehmen?

Korkpolster werden vor allem bei den tiefen Klarinetten für Überblasklappen eingesetzt - sie schließen kleine Tonlöcher, die in Form von Röhrchen in die Klarinette eingelassen sind. Hier würde sich auch ein Silikonpolster anbieten. In amerikanischen Klarinetten für den Band-Einsatz findet man manchmal auch spezielle Korkpolster, die aber immer mehr durch Silikon verdrängt werden.

Eine Neuentwicklung sind sogenannte Quarz-Resonanzpolster - sie sollen von den akustischen Eigenschaften her den Lederpolstern überlegen sein und gleichzeitig wesentlich länger halten. Der Hersteller gibt fünf (!) Jahre Garantie. Sie setzen aber präzise gearbeitete Klappen und Tonlöcher voraus und müssen - ebenso wie Silikonpolster - sehr genau eingepasst werden. Daneben sind sie - ebenso wie Silikonpolster - anfällig gegen das Verbiegen von Klappen, weil sie sich auch nicht anpassen. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich durchsetzen werden.

Mechanik der Klappe: Federn

Alle Klarinettenklappen haben Federn. Technisch sind diese Federn im Wesentlichen in zwei Arten ausgeführt: Nadelfeder und Blattfeder. Beide Arten funktionieren sehr gut, sind robust und lassen sich ohne Spezialwerkzeug in ihrer Federwirkung beeinflussen. Biegt man nämlich die Federn stärker in ihre Druckrichtung, verstärkt sich die Wirkung, biegt man sie gerader, schwächt sich die Wirkung ab.

Moderne Klappe mit Feder, Polster Drehklappe mit Nadelfeder

Die Blattfeder (links) wird in erster Linie bei "kippenden" Klappen eingesetzt wird. Sie ist ein Stück flacher Federstahl, der an der Klappe angeschraubt wird. Das andere Ende drückt gegen das Instrument.

Die Nadelfeder (rechts) wird in erster Linie bei drehenden Klappen verwendet; hier ist eine Stahlnadel am Instrument befestigt - meist am Sockel, in dem die Röhrchen für die Drehklappe gelagert sind. Die Nadel fasst dann in einen Haken an der drehenden Achse, und drückt die Achse in eine Richtung.

Unterschiede Klappensystem Deutsch / Boehm

Die beiden weltweit verbreitetsten Klappensysteme sind auf den ersten Blick gut zu unterscheiden: Links das Deutsche System und rechts das französische Boehm-System. Am auffälligsten ist der Unterschied bei den Rollen des deutschen und den Hebern des Boehm-Systems. Die unterste Klappe an der Stürze des Deutschen Systems ist eine Resonanzklappe, so gibt es die nur bei Voll-Oehler-Modellen.

Zwischen dem sogenannten Deutschen System und dem Boehm-System gibt es diverse Unterschiede. Dieser Abschnitt befasst sich nur mit dem Aspekt der Klappen und der davon abhängigen Griffweise. Eine Diskussion der Systemunterschiede insgesamt findet sich hier.

Man erkennt ein Boehm-Instrument sofort daran, dass es statt der "Rollen" aus schwarzem Ebenholz an den langen Klappen des Unterstücks "einfache" Hebel hat.

Darüber hinaus sind die langen Heber-Klappen, die das deutschen System hat, beim Boehmsystem durch Dreh­-Mechanik-Klappen ersetzt.

Besonders bei langen Klappen ist die Kombination aus Drehklappe und Nadelfeder im Vergleich zur Kipp-Klappe die bessere Lösung: Eine sehr lange Kipp-Klappe ist bruchempfindlich; deshalb werden lange Kipp-Klappen dann unterteilt (mit "Gelenken"), aber das macht die Übertragung anfälliger und schwammiger. Ein Drehklappe kann im Prinzip beliebig lang sein und hat sehr wenig Spiel.

Auch neue Versionen der deutschen Klarinette setzen Dreh-Mechanik-Klappen ein, wo es nur geht; insbesondere bei langen Klappen: zum Beispiel sind die Sonderklappen der tiefsten Töne bei Bassklarinetten meist als Drehklappe gebaut.

Die Boehmgriffe vermeiden vor allem das "Rutschen" zwischen Klappen insbesondere mit dem kleinen Finger, die deutschen haben hier die typischen Rollen angebracht. Einzelne Griffe und Bindungen gehen mit dem einen oder dem anderen System besser. Der Autor hat ursprünglich auf Deutsch gelernt und ist dann zu Boehm gewechselt. Ich selbst sehe eher mehr Vorteile als Nachteile bei der Mechanik des Boehmsystems, vor allem gibt es eine Menge alternative Griffe für bestimmte Töne, die man natürlich üben muss, das löst aber ein paar sonst schwierige Probleme. Das allein wäre aber wohl kein Grund zum Umstieg.

Auswirkung der Klappe auf die Akustik

Idealerweise würde die Klappe, oder besser: das Polster, wenn es offen ist, überhaupt nicht mehr da sein, also den Luftstrom überhaupt nicht mehr behindern. Theoretisch wäre es sogar ideal, wenn die Klarinette dann am oberen Rand der Klappe endete (dann gingen aber natürlich keine Gabelgriffe mehr...) So wie es jetzt ist, hat die Klappe aber noch einen ziemlichen Einfluss auf die Luftströmung, auch über dem Tonloch bei voller Öffnung.

Man öffne nur mal eine Ringklappe und schwinge den Finger dabei über dem Tonloch schnell ein paar Millimeter auf und ab. Dann stellt man fest, dass auch noch mehr als einen Zentimeter weg vom Tonloch der Finger einen Einfluss auf die Tonhöhe hat. Das gilt natürlich auch für die Klappe. Die Einstellung der "voll geöffnet"-Position der Klappe hat ziemlichen Einfluss auf die korrekte Stimmung des Instruments. Das hat der Instrumentenbauer aus Erfahrung natürlich berücksichtigt. Die Tonlöcher sind immer eine Spur zu weit oben (also zum Mundstück hin) gebohrt, als sie es ohne Klappen (rechnerisch) sein müssten.

Die Position stimmt, wenn man eine Klappe mit Lederpolster annimmt, die im voll geöffneten Zustand einen Abstand über der Tonlochoberfläche hat, der etwa einem Drittel des Lochdurchmessers entspricht. Ist der Abstand über dem Tonloch zu gering, wird der Ton zu tief, ist er zu groß, wird der Ton zu hoch.

Ein (theoretisch) ideales Klappensystem

Idealerweise (zumindest theoretisch) würde übrigens die Klappe auch nicht da das Tonloch verschließen, wo sie jetzt sitzt, nämlich außen am Instrument, sondern an der Bohrung im Inneren der Klarinette, so dass die Bohrung in der Klarinette dann perfekt glatt wäre. So wie es jetzt ist, entstehen an den Tonlöchern - auch wenn sie geschlossen sind - vermutlich eine Menge kleinster Wirbel im Luftstrom im Inneren des Instruments. Die Instrumentenbautechnik gibt aber im Moment nichts anderes her - daher bleibt die Betrachtung theoretisch. Jack Brymer hat in seinem Buch einige interessante Überlegungen hierzu angestellt.