Stimmung

Warum gab es fast gleich große A- B- C- D- und Es-Klarinetten?

Noch vor ein paar hundert Jahren gab es Klarinetten, die praktisch die Größe unserer heutigen B-Klarinette hatten, aber in anderen Tonarten gestimmt waren: A-Dur, B-Dur, (beide gibt es noch heute), C-Dur, D-Dur.

Auch für andere Instrumente ist das nicht ungewöhnlich, das gab es auch schon immer: tatsächlich existierten in der Frühzeit der Klarinetten noch wesentlich mehr verschiedene Stimmungen und exotische Typen als heute. Je "älter" die Komponisten, desto wahrscheinlicher wird man auf ihren Noten die Forderung "Klarinette in D" oder "in H" lesen. Heute gibt es das nicht mehr. Man komponiert für "B" oder "A", und alte Werke werden umarrangiert.

Der Grund dafür, dass es früher noch viel mehr Instrumententypen gab, ist die Veränderung der Stimmung der Töne in Tonleitern etwa seit der Zeit von Johann Sebastian Bach, also um 1700. Damals standen die Tonarten (A-Dur, B-Dur, C-Dur, D-Dur etc.) in einem etwas anderen Verhältnis als heute.

Die Abstände zwischen den einzelnen Tönen einer Tonleiter waren harmonisch oder rein, das heißt ihre Frequenzen basierten auf Vielfachen der Grundfrequenz oder einfachen Brüchen aus ganzen Zahlen des Grundtons:

  • Oktave= 2/1 - also doppelte Frequenz,
  • Quinte= 3/2,
  • große Terz= 5/4,
  • kleine Terz= 6/5

Die Folge der harmonischen Stimmung war, dass die Abstände zwischen den einzelnen Tönen einer Tonleiter nicht völlig gleich waren. Daher war auch der Abstand zwischen eigentlich gleichen Tönen unterschiedlicher Tonleitern nicht gleich: D und E in G-Dur hatten einen geringfügig anderen Abstand als D und E in F-Dur.

Die harmonische Stimmung klingt für menschliche Ohren höhrbar angenehmer als die heutige, selbst wenn das bei Terzen zum Teil nur 2 bis 4 Hertz abweichen. Im Akkord hört man das als etwas kratzig, dieser Wikipedia-Artikel hat dazu Hörbeispiele. Anscheinend kann unser Gehör diese Frequenzen analysieren und dem Gehirn als angenehm stimmend übertragen.

Der glattere, harmonische Klang musste aber mit einem Nachteil buchstäblich erkauft werden: Man konnte mit einem Instrument eigentlich nur Musik in einer Tonart und direkt mit dieser "verwandten" Tonarten spielen. Mit einem B-Instrument gingen also noch Es-Dur, aber kein D-Dur oder A-Dur - das hätte grauslich geklungen. Also brauchte man für fast jede Tonart ein eigenes Instrument, wenn man nicht nur in ganz wenigen Tonarten spielen wollte (das gab es ganz früher). Man kam schnell auf ein halbes Dutzend Instrumente. Das gilt für alle Instrumentengattungen mit fest gestimmten Tonhöhen, also vor allem die Holzblasinstrumente (inklusive der Orgel) und natürlich das Klavier. Nicht betroffen waren Instrumente, die stufenlos präzis gestimmt werden (Blasinstrumente ohne Ventil und Klappen) oder die überhaupt keine festen Tonhöhen "eingebaut" haben, wie Streicher und natürlich die menschliche Singstimme.

Also wurden Klarinetten in vielen verschiedenen Tonarten gebaut und gespielt: Es gab A- B- C- D- und Es-Klarinetten und so weiter.

Erst mit der Durchsetzung der wohltemperierten Stimmung (vor allem durch Johann Sebastian Bach) hatte sich die grundsätzliche Notwendigkeit vieler Instrumente erübrigt. Man kann jetzt jede beliebige Tonart auf jedem modernen Instrument spielen. Aber noch lange nach dieser Musik-Revolution - und auch nach Erfindung der Klarinette - war es üblich, dass man für bestimmte Tonarten jeweils ein eigenes Instrument verwendete. Natürlich ist das unpraktisch und teuer, und natürlich könnte man heute mit einer modernen B-Instrument alles spielen, was man möchte. Aber Stücke in #-Tonarten wie zum Beispiel Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert in A gehen auf einem Instrument, das in A gestimmt ist, wesentlich einfacher: Sie haben dann keine (oder kaum) Vorzeichen!

Höhenregister: Sopran, Alt, Tenor, Bass

Daneben gibt es natürlich auch noch Höhenregister, wie wir sie von den Singstimmen kennen, wie Sopran, Alt, Tenor, Bass und Kontrabass - dafür kann man noch zusätzlich Instrumente bauen. Früher gab es auch die tiefen und hohen Klarinetten in allen erdenklichen Stimmungen (vor allem auch in A), aber heute sind die hohen und tiefen Klarinetten durchgängig in B oder Es gestimmt.




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