Perfekte Blätter

von Martin Schöttle in "Musik zum Lesen"


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Der unaufhaltsame Weg zur Vollkommenheit

Die computergesteuerte Fertigung ist dem Ideal des vollkommenen Klarinettenblattes schon ein gutes Stück nähergekommen. 

Die Nürnberger Firma AW-Reeds hat sich bereits vor Jahren auf den Weg gemacht

Zwei Dinge sind es, die jeder Klarinettist gerne hätte: Einmal die Möglichkeit, ein Blatt, das gut ging, immer wieder zuverlässig zu reproduzieren - wahrscheinlich der größte und in dieser Form wohl fast unerfüllbare Wunschtraum. Zum anderen gibt es jedoch auch ein großes Bedürfnis, neue Blattformen auszuprobieren, zu versuchen, ob ein anderes Blattmodell neuen Anforderungen, einer geänderten Blasweise, einem anderen Mundstück etc. besser entspricht. Dies war der Grund für Martin Spangenberg, Soloklarinettist der Münchner Philharmoniker und Professor für Klarinette in Weimar, sich so weit in die Gefilde des Blattbaus vorzuwagen, dass er zusammen mit Alexander Willscher und Hermann Uhl sogar eine Firma zu eben diesem Zweck gegründet hat.

Mittlerweile ist das Trio dem vollkommenen Blatt schon ein gutes Stück nähergekommen.

Mit dem Bau der ersten modernen Klarinette von Iwan Müller etwa 1810 begann auch die lange (und nicht immer ganz einfache) Geschichte der Herstellung von Klarinettenblättern. Klarinettenblätter wurden damals von Hand hergestellt und damit den individuellen und ureigensten Bedürfnissen der Bläser angepaßt. So konnten die persönlichen Anforderungen wie Ansatzgewohnheiten, persönliche bläserische Kondition, Klangvorstellungen, klimatische / barometrische Einflüsse, Bahngeometrien bis hin zu Bahnfehlern spontan in die Blattausarbeitung mit einbezogen werden. Die Vorstellung, dass eines Tages eine Maschine ein fertiges Blatt würde liefern können, welches alle diese Parameter mit einschließen könnte, musste für damalige Musiker absurd erscheinen.

Während zu diesen Zeiten die Eigenproduktion von Klarinettenblättern für jeden Klarinettisten eine unumgängliche Notwendigkeit war, versuchte Mitte des 20. Jahrhunderts Gebhard Steuer als einer der ersten, diesen doch sehr aufwendigen Herstellungsprozess den Klarinettisten durch maschinelle Fertigung abzunehmen. Steuer war schon damals klar, dass dies nur mit unterschiedlichen Blattschnitten zu erreichen ist. Bei der Entwicklung dieser seriengefertigten Blätter wirkten namhafte Klarinettisten (und später auch Saxophonisten) mit. Für die nachfolgende Musikergeneration war es eine Ehre, die meist sehr teuren Blätter eines berühmten Musiker-Vorbildes blasen zu dürfen. Vielleicht versprach man sich davon, Stunden des Übens einsparen zu können. Oder man glaubte, der Geist des Vorbildes werde beim Blasen möglicherweise auf einen selbst übergehen... In den sechziger/siebziger Jahren trieb die Suche nach immer besseren vorgefertigten Blättern neue Blüten: Musiker reisten oft Hunderte von Kilometern dem scheinbar vollkommenen Blatt hinterher.

Ende der siebziger Jahre wurde dann allerdings der Versuch unternommen, für die deutschen Klarinettisten ein universell verwendbares Blatt herzustellen. Die Produktbeschreibungen der Blätterhersteller von heute spiegeln dabei die Anforderungen an dieses eine „Super-Blatt" wider: leicht spielbar, gut beherrschbar in allen Lagen, klare und volle Tongebung, flexibler und ausgeglichener Klang, große dynamische Klangbreite, warmer und brillanter Ton, volle Höhen, leichtes Staccato. Jeder Klarinettist weiß, dass sich viele dieser Attribute leider kaum jemals in einem einzigen Blatt vereinbaren lassen, und so ist jeder auch immer auf der Suche nach dem Blatt, das den besten Kompromiss zwischen all diesen Anforderungen darstellt.

Abbildungen Maschinen, Prof Martin     

Zwei CNC-Blattfräsmaschinen in der AW-Reeds-Werkstatt in Nürnberg. CNC-gesteuerter Fräskopf zur Herstellung der Blattoberseite.  Professor Martin Spangenberg
Die Maßhaltigkeit der Keile wird überprüft.  Digitalisieren des gesamten Blattes  

Heute zeigt sich in der Praxis, dass die Ausbeute aus einer Packung seriengefertigter Blätter meist nur sehr gering ist und der Zufall, „das Blatt" zu finden, eine noch viel zu große Rolle spielt. Selbst das Qualitätsmerkmal „abprobiert" mancher Hersteller brachte nie den großen Durchbruch und kann auf Dauer nicht wirtschaftlich sein. Der Erfolg der großen Blatthersteller liegt sicherlich unter anderem darin, dass der alten Gewohnheit des zeitaufwendigen und kostspieligen Probierens von Blättern durch hohe Verfügbarkeit und billige Massenproduktion Rechnung getragen wird.

Jeder braucht sein persönliches Blatt

Betrachtet man die Zahl der einflußnehmenden Parameter eines Klarinettenblatts (Abb. links), ist der heutige Entwicklungsstand, welcher zumeist noch immer als wenig befriedigend angesehen wird, nicht verwunderlich. Die Abbildung zeigt eindrucksvoll, dass die „Erlebniswelt" rund um das Klarinettenblatt ein hochkomplexes System darstellt und dass bei den bisherigen Betrachtungen meist nur eine kleine Teilmenge dieser Parameter eine Rolle spielte. Weiterhin zeigt die Abbildung, dass es das universelle Blatt eigentlich nicht geben kann. Die paradoxe Forderung muss heißen: Jeder braucht wieder sein persönliches Blatt: hergestellt für seine persönlichen Verhältnisse, jedoch reproduzierbar und kostengünstig.

Getrieben von dieser Vision sammelte Alexander Willscher über Jahrzehnte hinweg Daten von Mundstücken und Blattformen. Er hatte sich als Spezialist für Blatt- und Mundstück-Herstellung bereits früh einen Namen gemacht. Wurden am Anfang noch unzählige Hartmetallformen als Kopier-Vorlagen zur Blattherstellung gefeilt und geschliffen, so reifte bald der Gedanke, im Zeitalter des Computers und der Datenverarbeitung ein mathematisches Modell zur Herstellung von Klarinetten- und Saxophonblättern zu entwickeln. Nach Jahren unermüdlicher Arbeit und unzähligen Gesprächen mit verschiedenen Partnern gründete Alexander Willscher gemeinsam mit Martin Spangenberg und Hermann Uhl in den neunziger Jahren die Firma AW-Reeds. Gemeinsam entwickelten sie eine Maschine, die in kürzester Zeit beliebige Blattvarianten in Serie fertigen kann.

Wenige Blatt-Mundstück-Kombinationen

Durch die so gewonnene Modellvielfalt stand man plötzlich vor einer ganz neuen und ebenso schwierigen Aufgabe, die schnell ausufernde Anzahl der denkbaren Varianten durch Tests, Vergleiche und Aussortieren zu begrenzen. Dabei wurde auch das theoretische Blattmodell durch Experimentieren mit verschiedenen Interpolationsmethoden ständig weiter verbessert. Aufgrund physikalischer Überlegungen, die durch persönliche Erfahrungen vieler Klarinettisten bestätigt wurden, stellte sich bald heraus, dass nur eine recht geringe Anzahl von Blatt-Mundstück-Kombinationen zu optimalen Resultaten führt. Kaum waren die ersten Klarinettenblätter hergestellt, kamen Musiker mit Sonderwünschen. Natürlich wollte man jetzt auch ein passendes Blatt für die geliebten „Nebeninstrumente" Es-Klarinette, Bassetthorn und Bassklarinette. Willscher ging auch darauf ein und konzipierte darüber hinaus zur Verbesserung der Blattunterseite und der Blattkanten die sogenannte Keilemaschine, die wiederum von Hermann Uhl gebaut wurde.

Nach vielen Optimierungsschritten ist Alexander Willscher heute in der Lage, durch die modernen Methoden der CNC-Frästechnik Klarinettenblätter (und auch erste Schnitte für Sopran- und Altsaxophon) in größeren Stückzahlen in gleichbleibender Qualität zu fertigen. Viele Studenten und namhafte Klarinettisten (Sabine Meyer, Ralph Manno, Joachim Peitz, Rainer Wehle, Ulf Rodenhäuser und andere) kommen bereits in den Genuss dieser flexiblen Blattherstellungsweise.

Durch die unzähligen Experimente dieser Zeit ist ein unbezahlbarer Erfahrungsschatz entstanden. So können heute, wenn auch noch in begrenztem Umfang, Beratungen angeboten werden, welche Blatt- oder Mundstückformen für welchen Bläser und für welchen Zweck geeignet erscheinen. Der Weg zum vollkommenen Blasen geht - parallel zum unermüdlichen Übefleiß — sicherlich über vielerlei Arten von Mundstücken und Blättern. Durch immer wieder gemachte Erfahrungen zeigt sich allerdings ein Zitat von Arnold Schönberg einmal mehr bestätigt: „Der Mittelweg ist der einzige, der nicht nach Rom führt."

„Noch nie so unproblematisch"

Martin Spangenberg ist mit dem bisher Erreichten mehr als zufrieden: „Obwohl ein solches Projekt natürlich immer auch mit Rückschlägen verbunden ist, mit dem Auftauchen unerwarteter Probleme, haben wir eine hervorragende Ausgangsposition geschaffen, um die oben beschriebenen Träume wahr werden zu lassen. Ich persönlich habe noch niemals so unproblematisch Blätter gefunden und bin deshalb sehr zuversichtlich, dass unser Angebot zunehmend den verschieden Bedürfnissen unterschiedlicher Bläser entgegenkommen wird. Der noch fehlende Schritt ist eine noch umfangreichere Synthese aller Komponenten, die eine Klarinette ausmachen. Doch wird für dieses riesige Gebiet noch mehr Unterstützung von vielen Kollegen gebraucht, die herzlich eingeladen sind, ihre Erfahrungen zur Verfügung zustellen."

Martin Schöttle/Dr. Martin Augustin

MUSIK ZUM LESEN 05




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